Streckengeschäft

Von Estelle Vermorel, Februar 2020

Streckengeschäften (auch Direkthandel oder Drop-Shipping) ist eine Methode für das Supply-Chain-Management, bei der der Bestand nicht über den Einzelhändler geht. Im Gegensatz zum Cross Docking hält der Einzelhändler nicht einmal kurz die Produkte selbst, um sie an die Kunden zu versenden. Die Bestellungen der Kunden werden direkt vom Einzelhändler auf die Lieferanten, Großhändler oder Hersteller zur Erfüllung weitergegeben. Teilweise bekommen die Kunden dank der Lieferdienste der Hausmarke nichts davon mit. Mit dem Aufkommen des E-Commerce hat diese Methode an Beliebtheit gewonnen. So bieten Plattformen Existenzgründern einfache Möglichkeiten, ihre Unternehmen mit praktisch null Kapital ins Leben zu rufen. Dennoch hat alles Vor- und Nachteile: Wenn man die Verantwortung für Bestandshaltung und Lieferungsplanung abgibt, sind niedrigere Investitionen erforderlich, da man die gesamten Kostenarten (Kapital-, Lagerhaltungs-, Transportkosten, usw.) vermeidet. Allerdings sinken damit die Margen und das Ziel sowie der Wert des Einzelhändlers werden eingegrenzt, sowie auch seine Kontrolle über die Supply-Chain, was sich potentiell auf den Ruf des Einzelhändlers auswirken kann.

Kartonboxen werden katapultiert


Vor- und Nachteile der Streckengeschäfte im E-Commerce

Streckengeschäfte sind in vielerlei Hinsicht eine extremere Version des Cross Docking. Daher sind die Vor- und Nachteile ähnlich, jedoch ausgeprägter.

Vorteile

Keine Verantwortung für die Lagerhaltung oder für die Lieferung der Ware zu tragen, bietet viele offensichtliche Vorteile. Viele Vorinvestitionen können somit gänzlich gestrichen werden, da ganze Kostenkategorien wegfallen: Lagerungskosten, Kapitalkosten, Kosten für Lagerbestandsdienstleistungen, Transportkosten, einschließlich der Kosten für Versicherungen, Hardware, Arbeitskräfte, usw. Während beim Cross Docking ein Teil dieser Kosten, insbesondere für den Transport und eine minimale Lagerkapazität für das Versandzentrum vorhanden sind, fallen sie beim Streckengeschäft gänzlich weg.

Das Risiko von Überbeständen aufgrund des schwankenden Bedarfs wird vom Einzelhändler auf seine Lieferanten übertragen, da die Bestellungen erst erfüllt werden, nachdem sie von den Kunden bereits getätigt wurden. Zusätzlich muss der Bedarf nicht mit einer bestimmten Genauigkeit prognostiziert werden. Gewöhnlich werden die Zahlungen, vor allem im E-Commerce, im Voraus geleistet, und das Geld fließt vom Einzelhändler zum Lieferanten erst, wenn es vom Kunden überwiesen wurde. Dies senkt die Auslagen aus dem Umlaufvermögen, was das Streckengeschäft für Existenzgründern mit wenigen Mitteln attraktiv macht.

Während die Streckengeschäfte vor allem unter KMU (kleine und mittlere Unternehmen) verbreitet sind, können sie auch für größere Unternehmen sinnvoll sein. Dies bietet vor allem Einzelhändlern die Möglichkeit, neue Produktkategorien zu testen und dabei praktisch keine Lagerrisiken einzugehen. Die Erweiterung eines Katalogs kann sich positiv auswirken –etwa neue Kundensegmente locken oder das Interesse der Stammkunden erneuern– und über ein Streckengeschäft wird die Gefahr von totem Bestand gemindert, falls es keine Kundennachfrage gibt.

Einige Produktkategorien eignen sich unabhängig von der Größe des Einzelhändlers besonders für Streckengeschäfte. So sind Produkte, die spezialisierte Logistikmaßnahmen erfordern, wie etwa überdimensionierte oder besonders zerbrechliche Produkte, ausgezeichnete Kandidaten. Beispielsweise sind für den Transport von Badewannen LKWs mit einer spezifischen Einrichtung, die Stöße dämpft, nötig. Doch abgesehen von überdimensionierten Haushaltsvorrichtungen, benötigen auch gefährliche Produkte, wie etwa Chemikalien, Sprengstoffe, usw. gewöhnlich spezielle Einrichtungen oder Fahrzeuge. In solchen Fällen sind Lieferanten am besten bedient, wenn sie die erforderliche Sorgfalt für ihren Transport erhalten, was Streckengeschäfte bei speziellen Logistikanforderungen besonders profitabel macht.

Nachteile

Die Kehrseite sind die Margen. Die Externalisierung des gesamten Supply-Chain-Managements und die Übertragung auf andere hat ihren Preis. Lieferanten berücksichtigen die genannten Kosten in ihren Preisen. Das bedeutet für die Einzelhändler niedrigere Margen. Niedrigere Margen können für Unternehmen mit geringem Umlaufkapital akzeptabel sein. Doch höhere Risiken bieten die Möglichkeit, höhere Belohnungen zu erzielen.

Wenn sich Einzelhändler nach Lieferanten umsehen, die auf dem Wege des Streckengeschäfts ihre Ware liefern, schrumpft die Anzahl der infrage kommenden Lieferanten. Wenn die besten Lieferanten in puncto Preis oder Qualität keine Streckengeschäfte anbieten, stellt das für die Konkurrenz einen strategischen Wettbewerbsvorteil dar. Insbesondere können jene Wettbewerber MOQs (Mindestbestellmengen) oder MOVs (Mindestbestellwerte) einsetzen, um Rabatte zu erzielen, die beim Streckengeschäft nicht verfügbar sind.

Zusätzlich können Streckengeschäfte im Gegensatz zum Cross Docking nicht Bestellungen mit mehreren Artikeln in einer Lieferung konsolidieren, es sei denn alle Artikel stammen von demselben Lieferanten. Das stellt in Fällen, bei denen Kunden gewöhnlich größere Bestellungen machen –was oft im B2B-Einzelhandel vorkommt– einen Minuspunkt für das Streckengeschäft dar. Zusätzlich befreit ein Streckengeschäft die Einzelhändler nicht von Bestandsbeschränkungen.

Rücksendungen können dabei eine Herausforderung sein. Ist die Ware beschädigt oder einfach nicht zufriedenstellend, kümmern sich Lieferanten selten um die Rücksendungen, wodurch diese oft auf die Einzelhändler zurückfallen. Aus diesem Grund sollte man bei besonders „rückgabeanfälliger“ Ware lieber auf Streckengeschäfte verzichten, etwa bei manchen Arten von Kleidungsstücken, bei denen die Größe wichtig ist, wie bei Damenhosen.

Ein weiteres Manko, das auch auf Cross Docking zutrifft, ist die Schnelligkeit der Lieferung. Diese hängt stark davon ab, wie schnell und zuverlässig der Lieferant ist, dabei ist die Lieferung bei einem Streckengeschäft gewöhnlich langsamer als die Lieferung aus dem eigenen Bestand. Darüber hinaus ist das Risiko, Auftragsrückstände zur erhalten hoch. So kann der Artikel, der dem Kunden des Einzelhändlers verkauft wird, beim Lieferanten nicht vorrätig sein, was zu einer bedeutenden Verzögerung führen kann. Hierauf hat der Einzelhändler jedoch überhaupt keine Kontrolle und dennoch kann dies in Kundenunzufriedenheit enden. Dabei können Kunden bei Nischenprodukte –die sich auch für Streckengeschäfte eignen– verständnisvoller sein, als bei Produkten, die bei der Konkurrenz leicht zu finden sind. Das kann viele Stornierungen zur Folge haben.

Zusätzlich ist es bei einem Streckengeschäft komplexer, die Lieferungen zu verfolgen, vor allem wenn mehrere Lieferanten involviert sind. Evtl. kann der Einzelhändler gar keine Ware mehr nachverfolgen, sobald er die Bestellung aufgegeben hat, nach dem Motto „fire and forget“. Infolgedessen kann er vielleicht keinen zufriedenstellenden Kundensupport in dieser Hinsicht leisten.

Zuletzt steht der Ruf des Einzelhändlers im Spiel, bei jeder Bestellung, die erfüllt werden muss. Indem er die Erfüllung auf Dritte verlagert, lässt er seinen Ruf in den Händen anderer. Unzufriedenen Kunden beschweren sich nicht bei dem Lieferanten, dem Großhändler oder dem Hersteller, sondern direkt beim Online-Händler, über den sie die Artikel gekauft haben. Vertrauen zu gewinnen ist für Online-Unternehmen eine der schwierigsten Aufgaben und ein paar Pannen bei Lieferungen könnten das Vertrauen vernichten. Indem man keine Kontrolle über den Bestand hat, werden zwar die Risiken der Bestandskosten gesenkt, doch es tauchen andere Risiken auf. Diese Risiken sollten sorgfältig gegeneinander abgewogen werden.

Einfach gestaltete Streckengeschäfte bringen nicht unbedingt Erfolg

In den letzten zwei Jahrzehnten haben Streckengeschäfte einen Aufschwung erlebt. Der Online-Handel hat sich gewaltig weiterentwickelt und umfasst Unternehmen aller Größen, von Riesen bis zu Fachboutiques. Am unteren Ende des Spektrums haben Streckengeschäfte ermöglicht, von zu Hause aus mit nur einem Computer und einer Internetverbindung, ohne Startkapital, Produkte zu verkaufen.

Webshops wie Shopify bieten nun die Möglichkeit, mit wenigen Klicks einen Shop einzurichten. Sie verfügen auch über Marktplätze, auf denen man einfach Partner für Streckengeschäfte aus Plattformen wie AliExpress wählen kann, und stehen mit Tutorials und Einstiegsleitfäden bei dem Prozess zur Seite. Dies kann sogar bis zu einem gewissen Grad automatisiert werden. Technisch gesehen waren Streckengeschäfte noch nie so einfach und dennoch ist der Traum einer automatisierten reibungslosen Maschine, die von zu Hause aus oder als Nebentätigkeit oder Hobby für den Hinzuverdienst betrieben wird, selten erfolgreich.

In der Tat nimmt einem ein Streckengeschäft einen Großteil der Probleme aus dem Supply-Chain-Management ab: Herstellung, Lagerung und gar Lieferung. So fragt man sich, worin der Mehrwert eines „gänzlich auf Grundlage von Streckengeschäften agierenden Einzelhändlers“ liegt. Die Marktkräfte tendieren dazu, die Mittelmänner, die keinen Mehrwert bieten, zu streichen. In dieser Hinsicht können mehrere Punkte aufgezeigt werden:

  • Sichtbarkeit: Das Augenmerk des Einzelhändlers, der sich auf Streckengeschäfte stützt, sollte weiterhin auf Sichtbarkeit und Markenimage liegen. Der Wert des Einzelhändlers liegt darin, dass er eine Reihe bestimmter Produkte auf eine attraktive und sichtbare Art und Weise zur Schau stellt. Dies gilt sowohl für Auslagen im stationären Handel als auch im Online-Handel. Wobei im Online-Handel der Knackpunkt oft in SEO und Werbung, potentiell auch über die Erstellung von Inhalten, bezahlte Werbung, Social Media usw. liegt. Dies umfasst gewöhnlich auch Fachkenntnisse und Arbeitskräfte. Das ist auch einer der Gründe, weshalb angehende Unternehmer oft einen schönen Online-Shop und ein einsatzbereites Streckengeschäft einrichten und dann keine Bestellungen erhalten, weil die Kunden nie auf deren Online-Shops kommen.
  • Ergonomie: Der Großhandel ist selten für Privatpersonen zugänglich, was auch nicht beabsichtigt wird. Im Gegensatz hierzu sollte die Bestellung bei einem Einzelhändler als reibungsloser Prozess verlaufen mit einer kundenfreundlichen Oberfläche, auf der auch Tipps uns Erfahrungsberichte anderer Kunden, die zum Kauf ermuntern, vorhanden sind und bei dem gute Rückgabebedingungen herrschen. Alles sollte aus der Sicht des Kunden einfach und ermutigend sein.
  • Auswahl: Wie bereits erwähnt, liegt der Wert des Einzelhändlers darin, dass er eine richtige Reihe von Produkten (attraktiv, kohärent, mit ausreichender Vielfalt, usw.) auswählt. Aus diesem Grund liegt der Schlüssel in seiner Fähigkeit, die richtige Lieferanten zu wählen, insbesondere bei Streckengeschäften, da sich die Fehler direkt auf den Einzelhändler auswirken. Es geht hauptsächlich darum, eine gute Gruppe von Lieferanten mit einem guten Preis-Leistungs-Verhältnis zu finden und sicherzustellen, dass die Qualität der Dienstleistung der Lieferanten (Warenlieferung, geringe Auftragsrückstände, wenige Rücksendungen, usw.) den Standards entspricht. Denn, wie gesagt, der Einzelhändler muss dafür geradestehen, wenn etwas schiefläuft.

Streckengeschäfte ermöglichen dem Online-Handel weiterhin, komplett digital zu agieren. Doch der Online-Wettbewerb ist gnadenlos und Online-Händler müssen sich im Netz gut auskennen, um erfolgreich zu sein. Dies erfordert viel Zeit, viel Anstrengung und oft auch Geld. In gewisser Weise sind, aufgrund der oben genannten Gründe, diese Investments riskanter bei einem reinen Streckengeschäft, was die Qualität der Dienstleistung und den Ruf betrifft. Außerdem ist es nicht sehr weit hergeholt, dass ein Online-Unternehmen, dass sich so um Erfolg und Wachstum bemüht, wenn es das nächste Level erreicht eigenen Bestand hält oder Cross Docking einsetzt.

Lokads Ansicht auf Streckengeschäfte

Streckengeschäfte müssen nicht die einzige Option für die Lieferung an Kunden darstellen. In der Tat sollten sie begrenzt für passende Produkte und mit den richtigen Anbietern eingesetzt werden. Die Einzelhändler mit höheren Gewinnen optimieren dies, indem sie auf verschiedene Methoden zur Erfüllung der Bestellungen setzen, vom eigenen Bestand bis hin zum Cross Docking über Streckengeschäfte, je nach Rentabilität. Dabei entscheidet sich der Einzelhändler dynamisch für die eine oder die andere Methode, indem er sich auf Systeme zur Optimierung der Supply-Chain stützt –wobei Lokad eines davon ist–, um die mit jeder Option verbundenen Kosten im Zusammenhang mit der Marge und der Kundenbindung zu simulieren.

Mehr Flexibilität zu gewinnen und das richtige Gleichgewicht zu finden, bedarf einer bestimmten Logik aber auch eines flexiblen Tools, mit dem sich Simulationen rasch und teils automatisiert durchführen lassen. Genau diese Art von agilem Supply-Chain-Management verfolgt die Quantitative Supply-Chain.