Fehlbestand

Von Joannes Vermorel, Februar 2020

Ein Fehlbestand, auch Stockout oder Out-Of-Stock (OOS) tritt auf, wenn der Lagerbestand ausgeschöpft ist. Fehlbestände können in jeglichem Schritt der Supply-Chain auftreten, doch am meisten bemerkt man sie auf Filialebene, was auch als Probleme mit der Regalverfügbarkeit (auch On Shelf Availability - OSA) bezeichnet wird. Fehlbestände werden gewöhnlich als Probleme behandelt, die gelöst werden müssen, daher beschäftigen sich viele Bestandsmethoden, wie etwa Sicherheitsbestände, damit, die Häufigkeit solcher Ereignisse zu kontrollieren. Fehlbestände sind das Gegenteil von Überbeständen, bei denen zu viel Bestand vorhanden ist.

Fehlende Produkte im Lager



Die Auswirkungen von Fehlbeständen

Während moderne Unternehmen versuchen, die Menge der Bestände so weit wie möglich zu reduzieren, arbeiten die meisten mit Beständen auf verschiedenen Ebenen, etwa in Anlagen, Lagern, Filialen ... Wenn erwartet wird, dass ein Bestand vorhanden ist, hat ein Fehlbestand eine gewisse schädliche Störung in der Supply-Chain zur Folge. Doch das Ausmaß der Auswirkungen ist von Fall zu Fall unterschiedlich:

  • Da in einer Modefiliale mehrere Alternativen verfügbar sind, kann ein Teil der Kunden, wenn ein Produkt fehlt, es durch ein anderes Produkt ersetzen, sofern die passende Größe vorhanden ist.
  • Fehlt bei der Instandhaltung eines Flugzeugs ein NO-GO-Teil, kann es zu einem AOG-Fall (Aircraft On Ground) führen, was zu einer Verzögerung in der Wartung führt und den gesamten Flugplan der Fluggesellschaft auf den Kopf stellt und Verspätungen für die Passagiere hervorrufen kann.
  • In der chemischen Industrie kann der Fehlbestand eines Stoffes zu einer Notfallunterbrechung der Herstellung und dabei zu Schäden in der Anlage führen. So können wochenlange intensive Reparaturen für die Wiederaufnahme der Produktion notwendig sein.
  • In der Pharmaindustrie kann der Fehlbestand eines Medikaments, das für die Behandlung einer lebensbedrohlichen Erkrankung eingesetzt wird, Leben fordern oder den Vertrauensverlust der Einrichtungen des Gesundheitswesens mit sich bringen, was dazu führt, dass man sich in Zukunft nicht mehr auf dieses Medikament verlassen möchte.

Finanziell wirken sich Fehlbestände in zweierlei Hinsicht aus: erstens durch die entgangenen Gelegenheiten aufgrund der geringeren Vorgänge und zweitens durch die verzögerte Antwort des Marktes in Form einer Abneigung gegen unzuverlässige Lieferanten. In den meisten Fällen lässt letztere die erste Auswirkung winzig erscheinen. In jedem Falle ist es schwierig, die finanzielle Auswirkung immaterieller Ereignisse, wie des „Vertrauensverlusts“ zu quantifizieren.

Methoden zur Senkung von Fehlbeständen

Es gibt verschiedene verbreitete Ansätze zur Reduzierung von Fehlbeständen, die mit der SKU-Perspektive zu tun haben, dennoch hat jeder Ansatz auch seine Nachteile.

MethodeVorteileNachteile
BestandserhöhungDirektester Weg zur Reduzierung von FehlbeständenErhöhte Bestandskosten
Kürzung der Durchlaufzeit und Variabilität der DurchlaufzeitKeine Investition im Voraus, bessere Agilität im AllgemeinenErhöhte Transportkosten, teurere (lokale) Lieferanten
Genauigkeitsverbesserung der Bedarfsprognose„Softwaremethode“ mit relativ geringem PersonaleinsatzFunktioniert selten in der Praxis, Technologievorhaben sind riskant
Genauigkeitsverbesserung des BestandsNutzen geht über die Reduzierung der Fehlbestände hinausNicht immer anwendbar; zu teuer wenn anwendbar
Preiserhöhung bei drohenden FehlbeständenErhöht die allgemeine ROI des LagerbestandsKann wiederkehrende Kunden verwirren oder reizen

In jedem Fall ist die SKU-Perspektive recht begrenzt und spiegelt selten die gesamte Supply-Chain-Perspektive wider. Während die vorhandenen Optionen zur Reduzierung der Fehlbestände einer bestimmten SKU begrenzt sind, bieten die Optionen, mit denen sich die Auswirkungen des Fehlbestandes einer bestimmten SKU einschränken lassen, viel mehr Spielraum. Diese Ansätze gehen jedoch über das Ziel dieses Artikels hinaus.

Beschränkungen der Perspektive der Fehlbestände

Die Perspektive der Fehlbestände betont, dass die Ausschöpfung von Beständen die vom Kunden empfundene Servicequalität im Zusammenhang mit dem Bestand wiederspiegelt. Dennoch ist diese Perspektive oft zu sehr vereinfacht und berücksichtigt die Feinheiten der meisten Supply-Chains nicht:

  • In der Modebranche kann im Einzelhandel ein Kleidungsstück Flecken haben oder leicht beschädigt sein (ein loser Faden zum Beispiel); obwohl es immer noch als eine Einheit im Bestand gezählt wird, legen Kunden das Kleidungsstück immer wieder in das Regal zurück. Somit wird das Bestandsführungssystem dahingehend getäuscht, dass es weiterhin „glaubt“, es stünde noch eine Einheit zum Verkauf aus.
  • Im Lebensmitteleinzelhandel stellen Produkte kurz vor ihrem Ablaufdatum für Kunden Unannehmlichkeiten dar sowie einen Anreiz, ein Produkt mit einem späteren Ablaufdatum zu nehmen. Dieses Verhalten kann auch zu einer falschen elektronischen Darstellung des Zustands des Bestands führen.
  • In Baumärkten können Kunden entscheiden nichts zu kaufen, wenn sie Fließen benötigen und der Bestand im Geschäft nicht ihren gesamten Bedarf decken kann, da sie daran zweifeln, die restliche Menge in der gleichen Farbe woanders zu finden.
  • Bei der Herstellung muss sich der Fehlbestand einer bestimmten Komponente nicht auf die gesamte Herstellung auswirken, wenn sie nicht zu den kritischen Komponenten für den Herstellungsprozess gehört und schneller wiederaufgefüllt werden kann, als andere auch notwendige Komponenten produziert werden.
  • Im Kfz-Teilhandel können viele Reparaturen mit einem der vielen mechanisch kompatiblen Alternativen Teile, die von konkurrierenden OEMs geliefert werden, vorgenommen werden. Daher ist ein Fehlbestand nicht sofort mit der Unmöglichkeit, eine Reparatur vorzunehmen, gleichzusetzen.
  • Bei der Flugzeugwartung sind einige der reparierbaren Teile (Rotables oder Umlaufteile) oft nur eine bestimmte Anzahl von Flugstunden oder Anzahl von Flügen begrenzt nutzbar. Auch wenn ein lieferbarer Teil verfügbar sein mag, kann es sein, dass seine restlichen Stunden zu wenig sind, wodurch eine zusätzliche Wartung früher als geplant erforderlich wird.

Daher können Fehlbestände als erster Schritt betrachtet werden, mit dem man die Servicequalität des Bestands verstehen kann. Diese können je nach Art von Supply-Chain mit weiteren Kennzahlen verfeinert werden, mit denen die tatsächlichen Unstimmigkeiten im Zusammenhang mit der Bestandshaltung genauer erfasst werden.

Erwünschte Fehlbestände

Auch wenn Fehlbestände gewöhnlich als negativ betrachtet werden, können sie einen wesentlichen Mechanismus darstellen, um den endgültigen erwünschten Bestandszustand zu erreichen, mit dem Verschwendung minimiert wird. Beispielsweise:

  • Wenn man es mit frischen Nahrungsmitteln zu tun hat, sollte der Bestand genau am Ende des Tages ausgeschöpft sein, da die Ware besonders verderblich ist und verschwendet wird, falls sie nicht rechtzeitig verzehrt wird.
  • Modemarken werden von Neuheit vorangetrieben. Dies bedeutet, dass Produkte einer alten Kollektion am Ende der Saison liquidiert werden müssen, um Platz für die neue Kollektion zu schaffen.
  • In der Unterhaltungselektronik versucht man gewöhnlich die Bestandshöhen auszuschöpfen, bevor die neue Generation von Produkten eingeführt wird und man, nach der Ankündigung erwartet, dass der Markt rasch auf die Produkte der neuen Generation umsteigen wird.

Jedoch ist es kompliziert, das Lebensende eines Produkts zu signalisieren mit dem Ziel, kontrolliert zu Fehlbeständen zu gelangen, wenn man die oben genannten Methoden einsetzt, die eigentlich Fehlbestände vermeiden sollen.

Lokads Ansicht

Die Perspektive der Fehlbestände ist vorrangig historisch von Interesse. Moderne Ansätze konzentrieren sich auf Supply-Chain Entscheidungen und deren finanzielle Ergebnissen. Auch wenn der Unterschied klein sein mag, bieten Entscheidungen, die anhand von Wirtschaftstreibern optimiert werden, deutlich bessere Ergebnisse, da sie viel besser mit den Nuancen der von den Kunden empfundenen Qualität der Dienstleistung abgestimmt sind.